Overnight Prämie

Die Idee:

Wenn ich Aktien über Nacht, übers Wochenende oder über Feiertage halte, verdiene ich damit eine Prämie. Ich kaufe also jeden Abend den DAX-Future um 17:45 Uhr. Die Position halte ich bis zum nächsten Morgen um 9:00 Uhr. Am Freitagabend kaufe ich ebenfalls den DAX-Future und verkaufe die Position erst am Montagmorgen. An Feiertagen bin ich ebenfalls long. Damit bin ich jede Nacht, am Wochenende und über die Feiertage in Aktien investiert. In der liquiden Handelszeit von 9:00 Uhr bis 17:45 Uhr halte ich keine Positionen. Es ist kein Stop Loss und kein Take Profit für diese Strategie vorgesehen. Ich halte also den DAX-Future am Abend in der illiquideren Zeit von 17:45 Uhr bis 22:00 Uhr und entsprechend am frühen Morgen des darauf folgenden Handelstages von 8:00 Uhr bis 9:00 Uhr. Ein Stop Loss oder ein Take Profit macht wenig Sinn, weil der DAX-Future von 22:00 Uhr bis 8:00 Uhr nicht gehandelt wird. Es geht ganz bewusst darum, das Risiko einer Kurslücke als Chance zu verstehen.

Das Ergebnis für den DAX ab 01.01.2009:

dax-overnight

Das Ergebnis für den CAC (Frankreich) ab 01.01.2009:

cac-overnight

Das Ergebnis für den IBEX (Spanien) ab 01.01.2009:

ibex-overnight

Warum es funktioniert:

Nach der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008, kam es zu einem weltweiten Anstieg der Finanzmarktregulierung. Staaten nehmen seitdem über verschiedene Instrumente Einfluss auf die Risikobudgets von Banken und anderen Finanzinstituten. Einige bekannte Beispiele sind der amerikanische Dodd–Frank Act, die Überarbeitung der Richtlinie 2004/39/EG über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) oder auch Solvency II. Durch diese Maßnahmen wurde die Risikotragfähigkeit der meisten Marktakteure deutlich reduziert, da die Eigenkapitalanforderungen für ihre Risikopositionen spürbar erhöht wurden. Banken und andere Marktteilnehmer konnten daher weniger Risiken eingehen. Sie mussten ihren Eigenhandel einschränken und haben damit zu einer Reduktion von Marktliquidität beigetragen. Ihre Bilanzen wurden verkürzt und ihr Einfluss auf die Märkte wurde insgesamt geringer. Dies alles führte dazu, dass es immer schwieriger wurde Risiken über Nacht (wo die Börsen geschlossen haben) zu halten. Viele institutionelle Marktakteure sind daher bis heute gezwungen eventuelle Kurslücken, die in der Nacht auftreten können, zu vermeiden. Dadurch ist die Overnight Prämie für private Händler entstanden.

Gut:

  • Sehr einfaches System
  • Psychologisch leicht umzusetzen, weil zu festgelegten Zeiten gehandelt wird
  • Strategie arbeitet nach der Finanzkrise sehr stabil
  • Gute Liquidität im DAX-Future
  • Funktioniert, ab 2009, in verschiedenen Aktienmärkten
  • Strategie funktioniert auch, wenn der DAX im Wochenverlauf fällt
  • Prämie lässt sich eindeutig erklären

Schlecht:

  • Kein sinnvoller Stop Loss möglich
  • Risiko einer Kurslücke und eines großen Verlustes ist gegeben
  • Sehr viele Transaktionen und damit hohe Transaktionskosten
  • Strategie wird nicht mehr so gut funktionieren, wenn die Finanzmarktregulierung weniger wird

Interessant:

  • Verbesserung der Strategie durch individuelles Timing möglich
  • Idee kann sehr gut mit den Strategien „Kombination aus Monatsultimo- und Halloween-Effekt“ und „Turnaround Tuesday“ kombiniert werden
  • Über den normalen Handelstag von 9:00 Uhr bis 17:45 Uhr ist der DAX seit Anfang 2009 gefallen