Medien-Momentum

Die Idee:

Das Momentum von Aktien wird durch eine Überreaktion auf Medienberichte verstärkt. Entsprechend macht es Sinn, Winner-Aktien zu kaufen, die in den Medien besonders präsent sind und über die regelmäßig mit einem positivem Grundton berichtet wird. Diese Aktien sollte man ca. zehn Monate im Portfolio behalten um eine Outperformance zu erzielen.

Die durchgezogene rote Linie zeigt die Momentum-Renditen (Winner Long minus Loser Short) der Aktien mit der höchsten Medienpräsenz. Rot-gestrichelt dargestellt sind davon diejenigen Aktien, die zusätzlich einen klar positiven (für Long) bzw. negativen (für Short) Grundton in den Medienberichten aufweisen. Die schwarze Linie zeigt die Momentum-Renditen der Aktien mit den wenigsten Berichten.

Quelle: Hillert, A. / Jacobs, H. / Müller, S. (2014), „Media Makes Momentum“, Review of Financial Studies, Vol 27 Nr 12, S. 3467-3501.

Was steckt dahinter:

Der Momentum-Effekt besagt, dass Aktien, die am stärksten gestiegen sind, relativ zum Markt tendenziell noch weiter steigen und umgekehrt Aktien, die am stärksten gefallen sind, weiter fallen. Viele Anleger denken dagegen, dass eine Aktie, die bereits über Monate stark gestiegen ist, nun eher wieder fallen müsste. Zwar kann das im Einzelfall passieren, aber im Durchschnitt ist die Tendenz der größten Winner und Loser auf Sicht von 3 bis 12 Monaten tatsächlich prozyklisch.

Dieser erstaunliche Effekt lässt sich zum Beispiel mit einfachen Verhaltenseffekten erklären. Ein gutes Beispiel: Entwickelt sich ein Unternehmen positiv, wird dies am Markt nicht sofort vollständig eingepreist. Erst im Lauf der Zeit erkennen immer mehr Akteure den positiven Trend und springen auf. Bleibt die fundamentale Entwicklung gut, werden die Marktteilnehmer zunehmend optimistisch. Sie schrauben ihre Erwartungen weiter nach oben und gehen davon aus, dass sich die positive Entwicklung immer weiter so fortsetzt – was schlussendlich in einer Übertreibung endet. Dieses Muster erklärt auch gut, warum das Momentum nur auf einem begrenzten Zeithorizont von bis zu 12 Monaten funktioniert.

Eine Aktie, die mit herausragender Performance häufig in der Presse ist und die sich nicht im Portfolio eines Geldverwalters befindet, kann institutionellen Anlegern schnell Ärger bereiten. Es kann zu Fragen von Kunden und/oder Vorgesetzten kommen insbesondere, warum man nicht in diese tolle Aktie investiert habe, schließlich ist diese überall in den Medien vertreten. Wir Menschen neigen hier zu einer kognitiven Verzerrung, dem sogenannten Rückschaufehler (englisch „hindsight bias“). Nachdem ein Ereignis eingetreten ist, wird die Vorhersehbarkeit dieses Ereignisses tendenziell überschätzt. Es war quasi klar, dass die Aktie so gut laufen musste und man neigt automatisch dazu auch anzunehmen, dass die Performance weiterhin so gut sein wird. Als Fondsmanager möchte man immer positiv dastehen und seinen Kunden und Vorgesetzten zeigen, dass man in den besten und prominentesten Aktien investiert ist. Das verstärkt den Effekt und dadurch kommt es zum Medien-Momentum.

Eine weitere gute Erklärung für Momentum ist die Tatsache, dass die überwiegende Zahl der Indizes nach Marktkapitalisierung gewichtet sind, in denen stark gestiegene Aktien eine höhere Gewichtung einnehmen (und gefallene Aktien eine niedrigere). Strömt nun neues Geld in die Märkte, werden die gestiegenen Aktien erneut stärker gekauft. Das liegt daran, dass sich viele Fondsmanager an den Index-Gewichtungen orientieren, da ihre Leistung relativ zum Index gemessen wird. Um nicht das Risiko einzugehen, gegenüber dem Index zurückzufallen, investieren sie also oftmals indexnah und befeuern so die Momentum-Bewegung. Deshalb kann der Effekt sogar dann noch für eine Weile anhalten, wenn die Winner wirklich schon überteuert (bzw. die Loser zu billig) sind.

Warum das Medien-Momentum funktioniert:

Interessant ist, dass der Momentum-Effekt durch eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Medienberichten zu den jeweiligen Aktien verstärkt wird. Deutliche Hinweise darauf fanden die Forscher Alexander Hillert, Heiko Jacobs und Sebastian Müller in ihrer Studie „Media Makes Momentum“. Ihre Analyse basiert auf der Untersuchung von 2,2 Millionen Artikeln aus 45 US-Zeitungen zwischen 1989 und 2010 und zeigt, dass Aktien, über die besonders intensiv berichtet wurde, ein höheres Momentum verzeichneten. Als Ursache vermuten die Forscher eine Überreaktion auf die Medienberichte, die auf übersteigertes Selbstvertrauen (Overconfidence) der Marktteilnehmer zurückzuführen ist. Besonders spannend ist, dass den Untersuchungen zufolge das Momentum für diejenigen Winner-Aktien nochmals stärker ist, deren Berichte einen positiven Ton aufwiesen. Das gleiche gilt umgekehrt für das Abwärts-Momentum der Loser-Aktien mit negativem Ton.

Gut:

  • Momentum ist eine der historisch stabilsten Rendite-Anomalien und lässt sich über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren nachweisen
  • Es gibt anerkannte wissenschaftliche Erklärungen für den Effekt
  • Die Ursachen von Medien-Momentum (Marktstruktur, Anlegerverhalten) sind dauerhaft
  • Besonders auffällige Medienberichte sind überall präsent und damit leicht zu finden
  • Das Medien-Momentum hält bis zu zehn Monaten und die Umsetzung erfordert nur einen geringen Zeitaufwand

Schlecht:

  • Der Effekt ist nur bei Portfolios aus vielen Momentum-Aktien signifikant (hohe Transaktionskosten relativ zu den erzielbaren Überrenditen)
  • Der Medien-Momentum-Effekt ist nicht dauerhaft, es folgt eine Umkehr (diese könne man aber ebenfalls ausnutzen)
  • Psychologisch schwer umsetzbar, da Kauf nahe am Hoch
  • Der Effekt ist auf der Short-Seite weniger stark ausgeprägt
  • Momentum funktioniert an großen Wendepunkten nicht und kann zu großen Drawdowns führen
  • Die Autoren werten nur Zeitungsartikel aus. Die Präsenz der sozialen Medien wird nicht analysiert

Interessant:

Der Medien-Momentum-Effekt ist genau das Gegenteil von dem, was man intuitiv erwarten würde. Denn eigentlich sollte eine erhöhte Medienpräsenz zu einer schnelleren Informationsübertragung an den Märkten und damit zu effizienteren Kursen führen. Statt dessen aber scheint die hohe Medienpräsenz die Verzerrungen in der Informationsverarbeitung gerade noch zu verstärken. Außerdem schreiben die Forscher in der Studie, dass sich Journalisten tendenziell den gut gelaufenen Aktien zuwenden, da Anleger Nachrichten zu diesen Titeln nachfragen. So kann eine Rückkopplung entstehen, in der Momentum zu mehr Berichten und dadurch zu noch mehr Momentum führt.