Mad-Monday

Die Idee:

Die Börse folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Anders als in der Naturwissenschaft gelten diese „Gesetze“ vielleicht nicht jeden Tag, jede Woche und vielleicht auch nicht jeden Monat. Dennoch gibt es langfristig immer wieder die gleichen wiederkehrenden Muster, die man für sich nutzen kann. Erfahrene Investoren und Trader kennen diese Gesetze am Markt und nutzen sie regelmäßig. Dabei geht es nicht nur um einfache Statistik, sondern um einen mathematischen Vorteil, der auch logisch zu begründen ist.

In schöner Regelmäßigkeit kann man z.B. feststellen, dass an verschiedenen Börsentagen unterschiedliche Renditen erzielt werden. Wäre die Theorie der vollkommenen Kapitalmärkte uneingeschränkt korrekt, dürfte das nicht der Fall sein. Langfristig müsste bei einem vollkommenen Kapitalmarkt die erwartete Rendite an jedem Wochentag gleich sein. In der Praxis ist das eindeutig anders und clevere Investoren können davon profitieren und eventuelle Abweichungen von der Norm interpretieren.

Die Strategie Mad-Monday (verrückter Montag) bietet dafür ein schönes Beispiel. Eine Auswertung von 6.619 Schlusskursen vom S&P 500 und der Nasdaq 100, in der Zeit vom 01.01.1999 bis zum 12.05.2024, ergibt dabei die folgende historische Performance für die jeweiligen Wochentage. Aus einem Anfangsinvestment von 100 wurden nach 25 Jahren folgende Werte.

Haltedauer FR bis MO MO bis DI DI bis MI MI bis DO DO bis FR
SPX 103,51 159,56 138,85 164,33 112,74
NDX 118,38 142,34 257,72 325,61 69,95

Ein Investment, aufgeteilt nach verschiedenen Haltedauern, hätte in der Zeit von 01.01.1999 bis 12.05.2024 die obenstehende Kursentwicklung gebracht.

Hätte ich also seit 1999 jeden Donnerstagabend zum Schlusskurs den Nasdaq 100 erworben und ihn am Freitagabend wieder verkauft, wäre mein Kapital bis zum 12.05.2024 auf 69,95 gesunken, was einen Verlust von 30,05 Punkten bedeutet. Währungsschwankungen und Transaktionskosten werden bei dieser statistischen Betrachtung nicht berücksichtigt.

Deutlich profitabler wäre ein 24-stündiges Investment von Dienstagabend bis Mittwochabend in den Nasdaq 100 gewesen. Bei einem Kauf am Dienstagabend zum Schlusskurs und einem Verkauf am Mittwochabend hätte ich mein Kapital von 100 auf 257,72 erhöht. Eine noch bessere Rendite hätte ich in den letzten 25 Jahren mit einem Engagement von Mittwochabend bis Donnerstagabend erzielt.

Die unterschiedlichen Tagesrenditen im S&P 500 seit dem 01.01.1999:

Die unterschiedlichen Tagesrenditen in der Nasdaq 100 seit dem 01.01.1999:

Aus den Schaubildern ist erkennbar, dass historisch die höchste Rendite zwischen dem Schlusskurs am Montagabend und dem Schlusskurs am Donnerstagabend erzielt wurde. In der restlichen Zeit, also am Freitag, über das Wochenende und am Montag, waren die Renditen nur gering.

Eine einfache Ableitung aus dieser Analyse ist, dass ein Investment zwischen Montagabend 22 Uhr unserer Zeit und Donnerstagabend 22 Uhr deutlich mehr Ertrag bringt als ein Engagement, welches am Donnerstagabend beginnt und über das Wochenende bis Montagabend die Position behält. Die Idee, von den Aktienmarktbewegungen während der Woche und nicht von denen während des Wochenendes zu profitieren, ist auch nach Transaktionskosten deutlich profitabel und rechtfertigt den Zeitaufwand.

Das Ergebnis für die Strategien Mad-Monday im S&P 500 seit dem 01.01.1999:

Das Ergebnis für die Strategien Mad-Monday in der Nasdaq 100 seit dem 01.01.1999:

Durch das gezielte Investment an einem Dienstag, Mittwoch und Donnerstag konnte historisch sowohl im S&P 500 als auch in der Nasdaq eine höhere Rendite erzielt werden als bei einem Investment von Donnerstagabend bis Montagabend. Zusätzlich zu der höheren Rendite konnte mit der Strategie auch ein geringeres Risiko erreicht werden. Diese Strategie bezeichne ich als Mad-Monday.

Natürlich gibt es bessere Strategien und einfache Filter um die Rendite weiter zu steigern und das Risiko zu reduzieren. Wichtiger als das historische Ergebnis ist mir, warum diese einfache Anomalie aktuell nicht so gut funktioniert und was wir daraus über die aktuelle Situation am Kapitalmarkt lernen können.

Denn aktuell liegt die Rendite am Montag und Freitag deutlich über ihrem historischen Erwartungswert. Das letzte Mal beobachteten wir eine ähnliche Divergenz in den Jahren 1999 und 2000, als die Performance am Freitag, über das Wochenende und am Montag deutlich besser war als die Rendite zwischen Dienstag und Donnerstag.

Warum es funktioniert:

Welche Ursachen sind dafür verantwortlich, dass die Renditen von Dienstag bis Donnerstag höher sind als um das Wochenende herum? Eine sinnvolle Überlegung ist, dass den Marktakteuren an den Wochenenden keine Gelegenheit gegeben wird, auf schlechte Nachrichten zu reagieren. Gibt es während des Wochenendes negative Ereignisse für die Börse, eröffnen die Märkte am Montag auf einem niedrigeren Kursniveau. Eine Absicherung über ein Stop-Loss ist nicht möglich, weil am Wochenende kein Handel stattfindet. Einige meiner erfolgreichen Trading-Strategien zielen auf diese Logik ab, wie z.B. der Zinshamster, der Friday Gold Rush oder auch der Turnaround Tuesday.

Institutionelle Anleger mögen kein Risiko und sind im Normalfall bestrebt, sich gegen Risiken abzusichern. Daher werden am Freitag z.B. Risikopositionen verkauft und Absicherungen in das Depot aufgenommen. In den letzten Jahren wurde diese Tendenz durch eine immer strenger werdende Regulierung noch beschleunigt. Institutionelle Trader müssen sich an sehr strenge Vorgaben halten und sind durch den Regulator aufgefordert, keine großen Risikopositionen über Nacht oder über das Wochenende zu halten.

Eine weitere Erklärung ist die Idee, dass z.B. Trader an den Wochenenden zur Ruhe kommen wollen. Sie nutzen die handelsfreie Zeit, um die Nachrichtenlage aufzuarbeiten und am Montag mit aktuellen Analysen zu handeln. Eventuelle Risiken am Wochenende brauchen sie dabei nicht zu fürchten, weil sie 100% Cash über das Wochenende halten. In einem Umfeld von langfristig risikoaversen Markteilnehmern erscheint es sinnvoll, unkalkulierbare Risiken zu vermeiden.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich dieses Verhalten seit dem 1. Januar 2023 deutlich verändert hat. Der historisch unbeliebte Freitag und auch der Montag sind zu deutlich positiveren Wochentagen avanciert. Trader, die bewusst das Risiko eingegangen sind und über das Wochenende spekulative Long-Positionen gehalten haben, wurden belohnt:

Haltedauer FR bis MO MO bis DI DI bis MI MI bis DO DO bis FR
SPX 115,47 96,91 94,32 112,41 114,65
NDX 122,20 99,16 93,78 124,40 117,47

Ein Investment, aufgeteilt nach verschiedenen Haltedauern, hätte in der Zeit von 01.01.2023 bis 12.05.2024  die obenstehende Kursentwicklung gebracht.

Dies zeigt sich auch bei der grafischen Darstellung sehr schön. Während jetzt ein Investment von Montagabend bis Mittwochabend sogar unrentabel war, scheint es viele Käufer zu geben, die zwischen Mittwochabend 22 Uhr und Montagabend 22 Uhr auf ansteigende Kurse gesetzt haben. Zusätzlich zum hohen Ertrag fällt die geringe Schwankungsbreite an den Montagen auf.

Die unterschiedlichen Tagesrenditen im S&P 500 seit dem 01.01.2023

Die unterschiedlichen Tagesrenditen in der Nasdaq 100 seit dem 01.01.2023

Meine persönliche Interpretation des ‚Mad Monday‘ ist, dass es keinen Paradigmenwechsel bei den professionellen Investoren gibt und dass mittel- bis langfristig der Freitag und der Montag wieder zu den schwierigeren Börsentagen zählen werden. Die aktuelle Abweichung von der Norm und die deutlich steigenden Kurse am Freitag und Montag sind vielen neuen Kapitalmarktteilnehmern geschuldet, die über gehebelte Positionen, kurzlaufende Optionen und mit einer hohen Auslastung der Marge am Freitag, über das Wochenende und am Montag investieren. Ein sehr ähnliches Verhalten konnte bereits in den Jahren 1999 und 2000 beobachtet werden.

Risiken waren in diesem Umfeld – wie vielleicht auch aktuell – nicht mehr so stark im Fokus der Trader und Investoren. Vielmehr standen die möglichen Renditen im Vordergrund. Seit den Tiefständen im März 2020 sind die Börsenkurse deutlich gestiegen, und besonders in der Nasdaq 100 konnten an Freitagen und Montagen Zugewinne erzielt werden.

Wie lange dieses Phänomen noch zu beobachten sein wird, kann ich nicht sagen. Ich vermute jedoch, dass die Euphorie nicht mehr allzu lange anhalten wird. Eine schlechtere Rendite am Freitag und Montag könnte auch ein Indikator für eine abnehmende Risikofreude unter den privaten Spekulanten sein.

Gut:

  • Einfache statistische Analyse
  • Leicht umzusetzen
  • Backtest mit insgesamt 13.238 Datenpunkten über 25 Jahre
  • Hohe Liquidität bei der Umsetzung mit Futures
  • Funktioniert in verschiedenen globalen Aktienmärkten

Schlecht:

  • Viele Transaktionen
  • Kein SL
  • Phänomen ist am stabilsten in amerikanischen Märkten

Interessant:

  • Verbesserung der Strategie durch individuelles Timing möglich
  • Strategie kann als Indikator für das Verhalten privater Spekulanten dienen
  • Strategie könnte mit dem Verkauf von Put Optionen noch weiter optimiert werden

Hier findest Du den aktuellen Backtest der Strategie:

Mad Monday

Letztes Update 12.05.2024