ETF-Hamster

Die Idee:

Aktien mittelständischer Unternehmen schneiden besser ab als die Anteilscheine großer Konzerne. Doch gegen Jahresende befällt die Nebenwerte eine seltsame Schwäche – an der professionelle Asset Manager nicht ganz unschuldig sind. Ein Blick auf die historische Wertentwicklung zeigt, dass weltweit Nebenwerte eine höhere Rendite erwirtschaften als die klassischen Standardwerte. So ist zum Beispiel der MDAX in den letzten 10 Jahren doppelt so gut gelaufen wie der DAX.

Diese Überrendite unterliegt jedoch erheblichen saisonalen Schwankungen: Während Nebenwerte vor allem zu Beginn eines Jahres starke Renditen erwirtschaften, erzielen die Standardwerte insbesondere im Schlussquartal gute Ergebnisse.

Um von diesem Effekt zu profitieren gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man investiert marktneutral (so wie ich es in meinem Artikel für die Zeitschrift Traders beschrieben habe) oder man investiert „Long-Only“. Das bedeutet, dass ich am Jahresanfang den MDAX kaufe und diese Position für drei Quartale also 9 Monate halte. Zu Beginn des vierten Quartals verkaufe ich dann meine Position im MDAX und kaufe mir dafür den DAX. Im DAX bin ich dann bis zum Jahresende investiert. Zu Beginn des neuen Jahres tausche ich die Position vom DAX wieder in den MDAX. Ich bin also über das ganze Jahr in den Aktienmarkt investiert.

In der Praxis kann man z.B. einen MDAX-ETF für 1.000 Euro kaufen und diese Position dann für drei Quartale halten. Zu Beginn des vierten Quartals dreht man die Position und verkauft den MDAX-ETF und kauft dafür einen DAX-ETF. Diesen hält man dann für drei Monate bis zum Jahresende. Alternativ könnte man auch jeweils einen Korb aus Aktien des jeweiligen Index halten. In jedem Jahr gibt es nur zwei Zeitpunkte an denen man aktiv werden muss. Es sind also nur vier Transaktionen nötig. Es ist kein Stop Loss und kein Take Profit vorgesehen.

Das Ergebnis für den ETF-Hamster ab 1988: 

Wertentwicklung DAX und MDAX ab 1988:

Durchschnittliche Monatsrenditen von 1988 bis 2018:

Warum es funktioniert:

Die Marktkapitalisierung im MDAX beträgt für die 50 in dem Index enthaltenen Unternehmen (Daten per 29.03.2018) 365 Mrd. Euro. Im DAX, der aus 30 Titeln besteht, beträgt die Marktkapitalisierung (Daten per 29.03.2018) 1.223 Mrd. Euro. Das kleine Unternehmen im Durschnitt bessere Wertzuwächse liefern also große Unternehmen, ist weitestgehend bekannt. Die Wissenschaft spricht hier von der sogenannten Size-Prämie. Also der empirisch stabilen Beobachtung, dass Firmen mit einer niedrigen Marktkapitalisierung höhere Renditen erwirtschaften. Die Gründe dafür sind vielseitig wie z.B. dass für kleinere Unternehmen geringere Offenlegungspflichten gelten. Die daraus entstehenden Informationsasymmetrien werden in der Regel durch eine zusätzliche Rendite vergütet. Außerdem ist die Liquidität in kleinen Titeln deutlich geringer und damit können Aktienkäufer eine Risikoprämie erhalten.

Große Konzerne sind oft wie Staaten – kompliziert und bürokratisch. Kleine Unternehmen dagegen sind häufig flink und wendig. Es gibt flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege und kurze Reaktionszeiten. Gründerfamilien sind häufig noch Anteilseigner oder sogar Eigentümer. Die kleinen Firmen profitieren von einem konzentrierten Geschäft und dem Wunsch in Ihrer Nische zu wachsen und Marktführer zu werden. Große Firmen sind in der Regel breit diversifiziert und verwalten häufiger Risiken als diese aktiv einzugehen.

Diese Fakten erklären die generell bessere Performance vom MDAX gegenüber dem DAX auf die wir für drei Quartale setzen. Warum dreht sich dieser Effekt aber im vierten Quartal um? In einer Studie der Yale Universität zeigen die Autoren, dass sich das relative Bewertungsniveau von Nebenwerten im Jahresverlauf deutlich ändert. Zhiwu Chen und Jan Jindra zeigen in ihrer Ausarbeitung „A Valuation Study of Stock-Market Seasonality and Firm Size“, dass das Bewertungsniveau von Nebenwerten in den ersten Monaten des Jahres stetig ansteigt, um in den letzten Monaten konstant wieder zu fallen. Im Gegensatz dazu unterliegt das Bewertungsniveau von Bluechip-Aktien keinen signifikanten Änderungen im Jahresverlauf. Das Bewertungsniveau von Nebenwerten kann genau wie das Thema „Window Dressing“ und „Tax-Loss-Selling“ eine Rolle spielen, warum die Strategie in der Vergangenheit so stabil funktioniert hat.

Das beste Argument für den saisonalen Effekt liefern aber professionelle Asset Manager. Die meisten Kapitalmarktprofis haben am Jahresbeginn eine Präferenz für kleinere Unternehmen die nicht immer in ihrem Vergleichsindex enthalten sind. Diese Nebenwerte führen in der Regel zu einer Outperformance über das Jahr – aus den oben genannten Gründen. Aufgrund der von ihnen verwalteten Mittel können sie nicht an einem Tag komplett in den Markt für kleinere Unternehmen einsteigen. Vielmehr probieren sie weitestgehend geräuschlos ihre Aktienquoten zu Beginn des Jahres zu erhöhen und verteilen ihre Käufe eventuell über mehrere Wochen. Am Jahresende geht es den Profis dann darum, Ergebnisse zu sichern und wieder weniger Risiken einzugehen. Sie reduzieren ihre Abweichungen zum Vergleichsindex und schonen im vierten Quartal damit ihre Risikobudgets und ihre Nerven. Daher laufen Nebenwerte – deren Rendite unabhängig von den klassischen Benchmarks (DAX oder EuroStoxx 50) verläuft – in den letzten Monaten eines Jahres schlechter als der große Index.

Gut:

  • Sehr einfaches System
  • Perfekt für private Investoren geeignet
  • Psychologisch leicht umzusetzen, weil zu festgelegten Zeiten gehandelt wird
  • Strategie arbeitet seit über 30 Jahren sehr stabil
  • Einfach mit ETFs oder Aktien umzusetzen
  • Hohe Liquidität in den entsprechenden Indizes
  • Strategie ist breit diversifiziert
  • Sehr wenige Transaktionen
  • Geringe Transaktionskosten
  • Prämie lässt sich eindeutig erklären und ist über die Zeit stabil
  • Funktioniert auch mit anderen Indizes wie z.B. DAX vs. SDAX oder Euro Stoxx 50 vs. Euro Stoxx Small Cap

Schlecht:

  • Kein sinnvoller Stop Loss möglich
  • Kapital ist komplett gebunden
  • Hohe Schwankungen am Aktienmarkt

Interessant:

  • Verbesserung der Strategie durch individuelles Timing möglich
  • Saisonal schwache Monate wie August und September könnten auch ausgesetzt werden
  • Idee scheint wenig verbreitet zu sein
  • Mittelfristige Bewertungsaspekte spielen eine Rolle und erklären den Effekt zusätzlich

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